DNS-Geschichte Gunnar Stierle

Genealogie

Jahrzehntelang lag der Fokus der Familiengeschichtsforschung (Genealogie) auf persönlichen Auskünften und papierenen Abstammungsbelegen - falls sie vorhanden waren, wenn sie zugänglich waren, insofern die "Ur"-"Kunde" in Wort oder Schrift verlässlich schien, was z.B. bei den Varianten von Orts- und Familiennamen, ihren Interpretationen durch damalige Schreiber und ihren Anpassungen bzw. Umbenennungen in anderen Sprach- und Kulturräumen mitunter zumindest fragwürdig ist. Und oftmals mussten die Forscher mehr oder weniger weite Reisen und / oder hohe Kosten für Korrespondenzen, Abschriften (Transkriptionen), Kopien, Übersetzungen (Translationen) und Porti in Kauf nehmen.

"Computer-Genealogie"

Seitdem die Digitalisierung sowie Online-Veröffentlichung auch in der Familienforschung voranschreitet, können manche Wege erspart bleiben, die Reichweite der Kommunikation über genealogische Websites und ihre Foren, Mailinglisten und eigene E-Mail-Verteiler ist enorm gestiegen - doch die Grundlage, die mündliche und papierene "Ur"-"Kunde" - ist geblieben und nun (lediglich zusätzlich) als Digitalisat verfügbar - welches man bequemer austauschen und über welches man sich bequemer austauschen kann. Ist der Austausch zwar bequem, aber nicht sachlich fundiert, birgt er allerdings neue Fehlerquellen.

Digitaler Fundus

Insofern ist die gewissenhafte, aufwändige und fleißige Vorarbeit vieler Familienforscher, die in den letzten Jahrzehnten einen verlässlichen Fundus geschaffen haben und ihn nun sorgfältig digitalisieren, nicht hoch genug einzuschätzen. Und nicht nur Familienforschern, auch Archivaren, Geografen, Historikern, Soziologen, Human-, Sprach-, Literatur- und anderen Wissenschaftlern - sowie so manchen Laien - gebührt Dank und Anerkennung.

Genetische (DNS-) Genealogie

Zu diesen verdienstvollen wissenschaftlichen Disziplinen zählt allein schon von ihrer Bestimmung her auch die Genetik, die Wissenschaft von der Vererbung, die sich seit dem frühen 19. Jhd. (Augustinermönch Gregor Mendel) mit der Weitergabe von Erbanlagen (Genen) an die nächste Generation befasst. 1903 erkannte der Arzt und Genetiker Walter Sutton die Chromosomen als Träger der Erbinformation, 1927 gelang Hermann Joseph Muller die Auslösung künstlicher Mutationen durch Röntgenstrahlung, 1950 bewies Erwin Chargaff die paarweise gleiche Häufigkeit von vier Nukleotiden (A, T, C, G) in der DNS (Desoxyribonukleinsäure) bzw. DNA (englisch, A für Acid).

Drei Jahre später führen James Watson und Francis Crick ihre Erkenntnis zur DNS-Doppelhelix-Struktur ins Feld, von 1961 bis 1965 dechiffrieren Marshall Warren Nirenberg und Heinrich Matthaei den genetischen Code, 1975 gelingt Frederick Sanger, Allan Maxam und Walter Gilbert die DNS-Sequenzierung und seit 2003 kann die Referenzsequenz des menschlichen Genoms, die Gesamtheit der vererbbaren Informationen, aus dem Internet heruntergeladen werden (allerdings nach einem Gerichtsurteil derzeit nicht von einer deutschen IP-Adresse). Auch in diesem Wissenschaftsbereich wirkte sich die Welt der Einsen und Nullen aus.

Ende des 20. Jhds. sanken die Kosten einer DNS-Analyse rapide und Anfang 2000 bot "Family Tree DNA" öffentlich erste genetisch-genealogische Tests an. Heute gibt es zahlreiche Labore, die genetische Herkunftsanalysen und Anbieter, die einen Vergleich der eigenen DNS mit der (Millionen) anderer Menschen weltweit durchführen. Damit besteht zusätzlich die Chance, anhand des genetischen Erbes die geografische Herkunft sowie die familiären Beziehungen zu erforschen - und ggf. noch lebende Verwandte ausfindig zu machen.

Rückblick tief in die Vergangenheit

Eine der faszinierendsten Optionen der Genanalyse ist für mich der weit in die Vergangenheit der Menschheit reichende Rückblick. Die jüngsten Ergebnisse der DNS-Analysen füllen bereits heute etliche Erkenntnis-Lücken in der Anthropologie, Biologie, Ethnologie und Geschichtsforschung - und widerlegen mitunter auch langjährig bestehende Theorien - ganz im Sinne der Wissenschaft.

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